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STADTKUNDE MÜNCHEN
➔ VOM DORF ZUM GROSSEN STADTTEIL
Thalkirchen: Eingemeindung am 1. Januar 1900 – Von Benedikt Weyerer
Das Dorf Thalkirchen wurde am 1. Januar 1900 nach München eingemeindet. Wenige Jahre vorher beschrieb Karl von Rambaldi
(1842–1922, Rambaldistraße von 1930) in seinem 1894 erschienenen Buch „Die Münchener Straßennamen und ihre Erklärung“
den Verlauf der Thalkirchner Straße:
„Beginnt an der Müllerstraße nächst kirchen, das lang gezogen unten an der und König Sigmund wider die Türken zo-
dem Sendlinger-Tor-Vorplatz und zieht Isar lag, auch die Ortsteile Maria Einsiedel gen, aber in der unglücklichen Schlacht bei
sich zwischen den südlichen Friedhöfen und Hinterbrühl. Oberhalb des Hochufers Nicopolis am 26. September 1396 geblie-
und der Gasfabrik [an der Maistraße, der Isar lagen die Gemeindeteile Prinz- ben sind. Auf Grund der Ergebnisse der
d.V.], dem Schlacht- und Viehhof ent- Ludwigs-Höhe und Obersendling, dessen neueren Forschung erhält jedoch die Grün-
lang nach dem eine Stunde entfernten Grenze zu München am Übergang der Mur- dung der Kirche eine andere Erklärung. Man
Thalkirchen.“ nauer Straße in die Aidenbachstraße er- fand eine Urkunde mit dem Datum 22. Juni
kennbar bleibt. Der letzte Bürgermeister 1487, aus der hervorgeht, dass Graf Chris-
Es gab noch eine zweite Möglichkeit, vom hieß Eugen Gerbl (1847–1901, Gerblstraße tian von Fraunberg allerdings als Erbauer
Sendlinger Tor nach Thalkirchen zu gelan- von 1927 und Gerblweg von 1965). der Kirche zu betrachten ist, jedoch nicht
gen: Die Staubstraße führte entlang der infolge der Flucht, die schon damals nach
heutigen Pestalozzistraße (benannt 1896), Aussage älterer Männer in den Bereich der
Isartalstraße (1903) sowie der Schäftlarn- Die Ortsteile: Thalkirchen Sage gehörte. Später wohnte ein Eremit in
straße (1893) dorthin. Rambaldi klärt auf: einem Anbau des Gotteshauses.“ Die Denk-
„Zieht sich in südlicher Richtung nach Thalkirchen wurde erstmals urkundlich im malliste führt aus: „Im Kern um 1400 mit
Thalkirchen. Die Benennung kommt aus Jahr 1268 genannt und sein Name bedeu- romanischen Resten, 1692 umgebaut,
dem Volksmund und aus einer Zeit, in die tet geografisch wenig verwunderlich „Kir- 1907 ⁄ 1908 von Gabriel von Seidl neuba-
Verbindungen innerhalb des Stadtbezirkes che im Tal“. Der alte Ortskern lag beim rock erweitert, mit Ausstattung, ringsum
noch nicht so sorgfältig unterhalten wur- Wirtshaus „Alter Wirt“ an der Fraunberg- der ehemalige Friedhof mit alter Mauer und
den als heute.“ Die Grenze des Dorfes Thal- straße 8, um die Dorfkirche, die der alten Schmiedeeisenkreuzen.“ Eine Bemer-
kirchen kann man heute noch am scheinbar Heiligen Maria geweiht ist, am Fraunberg- kung etwas abseits des Themas: Seidl lebte
unmotivierten Übergang der Thalkirchner platz 1, sowie am Pfarrhaus am Fraunberg- von 1848 bis 1913 und zwar an der Hasen-
Straße in die Pognerstraße erkennen, bis platz 5. Außerdem haben sich noch ein straße. Weil ihm diese Adresse zu lachhaft
zur Eingemeindung hieß sie Kirchweg. Dort ehemaliges Bauernhaus am Fraunberg- erschien, ließ er sich vom Magistrat als Ge-
befand sich auch die aussagekräftige Burg- platz 6 und die alte Volksschule an der schenk anlässlich seiner 60. Geburtstages
friedenstraße, die kurz nach der Eingemein- Münchner Straße 28 erhalten. Rambaldi er- im Jahr 1908 die Umbenennung in Seidl-
dung ihren heutigen Namen Matthias- klärt die Entstehung der heutigen Kirche straße bescheren.
Mayer-Straße erhielt. ausführlich, aber doch wissenswert, und
verweist dabei auch auf die Herkunft der
Bezeichnung „Fraunberg straße“: „(…) wel- Die Ortsteile: Maria Einsiedel
Gemeindebildung 1818 ches schon gegen Ende des 15. Jahrhun-
derts ein bedeutenden Wallfahrtsort war, Erstmals benannt 1725, bezieht sich der
Nach der Erhebung Bayerns vom Kurfürs- der an einer Stelle des hier besonders hüb- Name des dortigen „Asam-Schlössl“ an der
tentum zum Königreich am 1. Januar 1806 schen und weiten Isartales liegt. Eine
wurde die Organisation des neuen Staates Überlieferung erzählt, 1372 seien die Brü-
effektiver gestaltet, indem das Gemein- der Christian und Wilhelm von Fraunberg
deedikt vom 17. Mai 1818 eine beschränk- bei einer Fehde mit den Augsburgern von
te Selbstverwaltung der Gemeinden unter diesen verfolgt und bei Thalkirchen in die
Aufsicht der Regierung von Oberbayern Isar gedrängt worden. In dieser Gefahr hät-
brachte – ähnlich der heutigen Kompetenz- ten die Brüder gelobt, für den Fall ihrer
verteilung. Nun gab es örtliche Gemeinde- Rettung zu Thalkirchen ein Gotteshaus mit
vorsteher und Gemeinderäte, begrenzt zu- Kloster zu Ehren der seligsten Jungfrau
ständig für die Finanzen, die Zulassung von erbauen zu wollen. Den Bau der Kirche
Gewerbe, das Volksschul- und Kirchenwesen brachten sie zur Ausführung, der eines
oder die Ortspolizei. Bei der Eingemein- Klosters unterblieb, da sie nebst anderen
dung am 1. Januar 1900 gehörten zu Thal- bayerischen Rittern mit Pfalzgraf Ruprecht
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