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➔ SILVESTER UND DAS GLÜCKSSCHWEIN
Zu den Bräuchen zu Silvester gehört auch das Verschenken von kleinen Marzipanschweinen.
Aber was hat das Schwein mit Glück und Silvester zu tun?
Um diese Frage zu beantworten, muss von Schweinefleisch verboten ist. Neuere sein mühsam erspartes Kleingeld an, in
man sich weit in die Kulturgeschichte Forschung sieht allerdings in diesen Spei- einem Sparschwein.
unserer Hausschweine einlesen. Heute sevorschriften für die Israeliten speisehygi-
hat das Schwein nicht gerade den bes- enische Gründe, die dem Klima geschuldet Gerade in Hungerzeiten wie nach den Welt-
ten Ruf, obwohl sich immer mehr Men- waren. kriegen des 20. Jahrhunderts, wurden
schen auf die Qualitäten der Schweine Schweine mit Gold, Teppichen, Schmuck
besinnen. Sowohl als Haustier als auch Das Wildschwein steht im Christentum für oder anderen Wertsachen aufgewogen. Sie
als Nutztier macht das Schwein wieder den Teufel, für Leidenschaft und auch für brachten den Besitzern nicht nur Reichtum,
Karriere. Die hochintelligenten Tiere Verwüstung. Die christliche Tradition des sondern auch die Sicherheit, nicht hungern
sind, vor allem in ihrer Zwergform, lie- Mittelalters mit einer bigotten Sexualmoral zu müssen, zumal praktisch alle Teile des
benswerte Hausgenossen, die als Alter- verteufelte viele Tiere, die durch besondere Tieres verarbeitet werden können. Kein
native für Hund und Katze von allergie- Fruchtbarkeit von sich Reden machten, Nutztier ist wahrscheinlich so nachhaltig
geplagten Menschen auserkoren wurden. wie z. B. Schweine und Hasen. Wenn der wie das Schwein, wenn es artgerecht ge-
Nachdem in der Nutztierhaltung die Hase dann aber „Ostereier“ legt, kann er halten wird.
Schweine wieder artgerecht ihr Leben das Negativimage wieder loswerden und als
leben können, ist auch das meiste Ostersymbol herhalten. Der Mensch nimmt Dieses ambivalente Verhältnis des Men-
Schweinefleisch das negative Billig- es eben so, wie er es gerade braucht. schen zum Schwein zeigt sich eben auch
fleischimage los. an Silvester. Einerseits wird es als Glücks-
Trotzdem haben Schweine im Christentum bringer in Marzipanform verschenkt, oft
einen eigenen Heiligen. Der heilige Antoni- gemeinsam mit Kleeblättern oder Schorn-
us, Patron der Haustiere, wurde ein Leben steinfegerfiguren, andererseits steht
lang von einem Schwein begleitet, von bereits einige Tage später der Schweinsbra-
einem „Glücksschwein“ sozusagen. ten auf dem Tisch und wir verspeisen die
Glücksbringer ohne schlechtes Gewissen.
Im Mittelalter war die Beziehung zum
Schwein zwiespältig, aber man besann sich Wir wünschen guten Appetit und ganz viel
schnell auf die Vorteile, die die Haltung Schwein für 2026!
dieser Tiere mit sich brachte. Wer ein klei-
nes Ferkel besaß, konnte ohne finanziellen
Aufwand in relativ kurzer Zeit daraus ein
beachtliches Schwein haben. Auf dem Land
Aber warum nun „Glücksschwein“? wurden die Hausschweine einfach in die
Wälder getrieben, wo sie sich selbst über-
Die Germanen schätzten das Wildschwein lassen waren und sich mit Früchten und
als Sinnbild von Kraft und Fruchtbarkeit, Eicheln selbst den Speck anfraßen. In den
was sie nicht davon abhielt, das Wild- Städten sorgten freilaufende Schweine
schwein zu jagen. wenigstens etwas für weniger Abfall auf
den Straßen, denn sie ernährten sich von
Griechen und Römer hatten bereits das den Essensresten und Abfällen, die einfach
Schwein als Nutztier für sich entdeckt. auf die Straßen geworfen wurden.
Es galt als nützlich und war Zeichen von
Wohlstand und Reichtum. Wer über viel Eine beachtliche Wertsteigerung für seinen
„Schwein" verfügte, gehörte meist zu den Besitzer war so ein Schwein, ohne großen
oberen Gesellschaftsschichten. Aufwand und Einsatz, also leicht verdientes
Geld. Wenn solch hoher Zinssatz kein Glück
Die christliche Tradition ist von einer nega- ist!
tiven Einstellung gegenüber dem Borsten-
vieh geprägt. Hier symbolisieren Schweine Im Mittelalter erhielten wandernde Studen-
Schmutz, Gefräßigkeit, Unwissenheit und ten als Lohn für Hilfe auf Bauernhöfen oft
Egoismus. ein Ferkel, verbunden mit guten Wünschen.
Der Ursprung ist wahrscheinlich im Alten Und weil also ein Schwein so eine gute
Testament zu suchen, wo das Schwein als Investition ist, ein Symbol des Wohlstands
unreines Tier verortet wird und der Verzehr und der Fülle, vertraute man ihm sogar
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