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STADTKUNDE MÜNCHEN
BERGSTEIGEN ALS KRIEGSERLEBNIS
Straßennamen nicht nur in Moosach – Von Benedikt Weyerer
Im Dreieck zwischen Dachauer Straße, Wintrichring und der Hugo-Troendle-Straße in Moosach liegt eine drei Hektar große
Wohnanlage aus den 1950er-Jahren mit dem idyllisch klingenden Namen „Amphionpark“. Der Name „Amphion“ bezieht sich
auf eine Sängervereinigung desselben Namens aus dem Jahr 1897. Diese Vereinigung unterhielt dort auf der grünen Wiese
ihr Vereinsheim, wo sie übte und wo sich ihr soziales Leben abspielte. Entsprechend seiner Lage, schlossen sich zahlreiche
Moosacher und Moosacherinnen dem Verein an.
In der Sagenwelt der antiken Griechen seine Zeit war. Unter der Überschrift „Der ➔ Welzenbachstraße:
war Amphion ein gottähnlicher Held, Heldenkampf um den Berg des Schreckens“ „Stadtbaurat Dr. Wilhelm Welzenbach,
der einer Beziehung zwischen dem Göt- begann die entsprechende Kriegsbericht- geboren 10.11.1900 in München, Teil-
tervaters Zeus und der Adligen Antiope erstattung: „Bis zum 6. Juli wurde der nehmer an der deutschen Himalaja-
entstammte und mit seinem meisterhaf- Angriff planmäßig gegen den Gipfel des Expedition 1934, gestorben in Lager VII
ten Gesang und Saitenspiel als Freund Nanga Parbat vorgetragen. Infolge der An- am Nanga Parbat 11. oder 12.7.1934.“
und Beschützer der Musiker galt. Die strengungen war schon an den vorangegan-
heutigen Straßennamen erscheinen auf genen Tagen eine große Anzahl Darjeeling- Die Himalajastraße war bereits am 22. Juni
den ersten Blick harmlos. Bei näherem Hochträger kampfunfähig geworden.“ 1933 in das neue Hochgebirgs-Viertel in
Hinsehen jedoch zeigt sich, dass ihre Schneestürme forderten jedoch den „Tod Trudering vergeben worden und konnte
Benennungen einen aggressiven Hinter- der Kameraden“ und der Bericht endete mit daher nicht noch einmal in Moosach ent-
grund haben, und zwar nach dem Motto: den heldischen Worten: „Nicht vergeblich stehen: „Nach dem Himalajagebirge in
Bergsteigen als Kriegserlebnis. aber war das heldenhafte, kühne Sterben Vorderindien.“ Diese Straßennamen mit
und Kämpfen der Kameraden und ihrer der scheinbar neutralen Erläuterung dien-
Träger. Es galt, ein hohes und ideales Ziel ten zur Zeit ihrer Entstehung nicht nur
Baugeschichte für Deutschland zu erobern. Der Geist, der der bloßen Ehrung verdienter Bürger. Es
diese Männer beseelte, wird weiterleben ging dem Stadtrat im Jahr 1934 auch nicht
Die starke Zunahme der Bevölkerung in und zu neuen Taten rufen.“ Der Stadtrat bloß um den Sport an sich, sondern viel-
Moosach seit seiner Eingemeindung 1913 entschloss sich nunmehr am 18. Oktober mehr um den Krieg, in diesem Fall um den
machte die Bebauung des genannten 1934 zu folgenden Benennungen nach Krieg, der propagandistisch auf den Bergen
Dreiecks notwendig. Zu Beginn des Dritten den getöteten Bergsteigern, soweit sie in exerziert wurde. Das Bergsteigen wurde als
Reiches (1933–1945) benannte der Stadt- München gelebt hatten: Kriegs erlebnis empfunden. Später, im Jahr
rat auf dem Gelände Straßen, weil seine 1942, bekräftigte beispielsweise ein füh-
Bebauung zwar geplant war, dann aber ➔ Alfred-Drexel-Straße: render Vertreter des Alpenvereins, Karl
erst nach Kriegsende ab 1953 begonnen „Reichsbahnrat, geboren 2.12.1900 in Springenschmid (1897–1981): „Bergsteiger
wurde. Die Straßennamen selbst lassen auf Türkheim in Baden, Teilnehmer an der und Soldat gehören zusammen. Beides
den ersten Blick nicht ihren Hintergrund deutschen Himalaja-Expedition 1934, sind Gestalten, die aus dem gleichen kämp-
erahnen, aber diese Benennungen ent- gestorben am Nanga Parbat 8.6.1934.“ ferischen Wesen unseres Volkes kommen.
sprangen dem herrschenden Zeitgeist, und Kampf ist ihr Element. Sie suchen bewusst
der bedeutete Krieg. Wie so oft, waren ➔ Merklplatz: die Gefahr. In jener steten Nachbarschaft
auch hier die Namen lebendiger Ausdruck „Wilhelm Merkl, technischer Reichs- des Todes nur offenbaren sich ihnen die
ihrer Entstehungszeit. Nach dem Krieg bahninspekteur, geboren 6.10.1900 in tiefsten Werte des Lebens.“ Pervers und
1945 überbaute die Landeshauptstadt Kaltennordheim, Teilnehmer an der verrückt.
München das Gelände mit den heutigen deutschen Himalaja-Expedition 1934,
Wohnblöcken, deren Adressen dieselben gestorben in Lager VI des Nanga Parbat
blieben. 13./14.7.1934.“ [nicht bebaut, daher Reaktionen 1934
später aufgelassen]
Die „Münchner Neueste Nachrichten“
Bergsteiger als Namengeber ➔ Ulrich-Wieland-Straße: schrieben bereits am 19. Oktober 1934:
„Diplom-Ingenieur, geboren 5.6.1902 „Aus der Fülle der Neubenennungen sei
Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ in Ulm, Teilnehmer an der deutschen noch besonders hervorgehoben, dass das
brachten am 23. August 1934 einen Bericht Himalaja-Expedition 1934, gestorben tragische Schicksal, das bekannte deutsche
über eine kurz zuvor gescheiterte Himalaja- am Nanga Parbat 9.7.1934.“ [nicht Alpinisten bei dem Versuch der Bezwingung
Expedition, dessen Wortwahl typisch für bebaut, daher später aufgelassen] des Nanga Parbat im Himalaja traf, dem
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