Page 26 - Taxikurier April und Mai 2026
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STADTKUNDE MÜNCHEN

           BERGSTEIGEN ALS KRIEGSERLEBNIS





           Straßennamen nicht nur in Moosach – Von Benedikt Weyerer



           Im Dreieck zwischen Dachauer Straße, Wintrichring und der Hugo-Troendle-Straße in Moosach liegt eine drei Hektar große
             Wohnanlage aus den 1950er-Jahren mit dem idyllisch klingenden Namen „Amphionpark“. Der Name „Amphion“ bezieht sich
           auf eine Sängervereinigung desselben Namens aus dem Jahr 1897. Diese Vereinigung unterhielt dort auf der grünen Wiese
           ihr Vereinsheim, wo sie übte und wo sich ihr soziales Leben abspielte. Entsprechend seiner Lage, schlossen sich zahlreiche
           Moosacher und Moosacherinnen dem Verein an.


             In der Sagenwelt der antiken Griechen   seine Zeit war. Unter der Überschrift „Der   ➔  Welzenbachstraße:
             war Amphion ein gottähnlicher Held,   Heldenkampf um den Berg des Schreckens“   „Stadtbaurat Dr. Wilhelm Welzenbach,
             der einer Beziehung zwischen dem Göt-  begann die entsprechende Kriegsbericht-  geboren 10.11.1900 in München, Teil-
             tervaters Zeus und der Adligen Antiope   erstattung: „Bis zum 6. Juli wurde der   nehmer an der deutschen Himalaja-
             entstammte und mit seinem meisterhaf-    Angriff planmäßig gegen den Gipfel des   Expedition 1934, gestorben in Lager VII
             ten Gesang und Saitenspiel als Freund   Nanga Parbat vorgetragen. Infolge der An-  am Nanga Parbat 11. oder 12.7.1934.“
             und Beschützer der Musiker galt. Die   strengungen war schon an den vorangegan-
             heutigen Straßennamen erscheinen auf   genen Tagen eine große Anzahl Darjeeling-   Die Himalajastraße war bereits am 22. Juni
             den ersten Blick harmlos. Bei näherem   Hochträger kampfunfähig geworden.“   1933 in das neue Hochgebirgs-Viertel in
             Hinsehen jedoch zeigt sich, dass ihre   Schneestürme forderten jedoch den „Tod   Trudering vergeben worden und konnte
             Benennungen einen aggressiven Hinter-  der Kameraden“ und der Bericht endete mit     daher nicht noch einmal in Moosach ent-
             grund haben, und zwar nach dem Motto:  den heldischen Worten: „Nicht vergeblich   stehen: „Nach dem Himalajagebirge in
             Bergsteigen als Kriegserlebnis.  aber war das heldenhafte, kühne Sterben     Vorderindien.“ Diese Straßennamen mit
                                             und Kämpfen der Kameraden und ihrer   der scheinbar neutralen Erläuterung dien-
                                               Träger. Es galt, ein hohes und ideales Ziel   ten zur Zeit ihrer Entstehung nicht nur
           Baugeschichte                     für Deutschland zu erobern. Der Geist, der   der bloßen Ehrung verdienter Bürger. Es
                                             diese Männer beseelte, wird weiterleben   ging dem Stadtrat im Jahr 1934 auch nicht
           Die starke Zunahme der Bevölkerung in   und zu neuen Taten rufen.“ Der Stadtrat   bloß um den Sport an sich, sondern viel-
           Moosach seit seiner Eingemeindung 1913   entschloss sich nunmehr am 18. Oktober   mehr um den Krieg, in diesem Fall um den
           machte die Bebauung des genannten   1934 zu folgenden Benennungen nach    Krieg, der propagandistisch auf den Bergen
             Dreiecks notwendig. Zu Beginn des Dritten   den getöteten Bergsteigern, soweit sie in   exerziert wurde. Das Bergsteigen wurde als
           Reiches (1933–1945) benannte der Stadt-  München gelebt hatten:     Kriegs erlebnis empfunden. Später, im Jahr
           rat auf dem Gelände Straßen, weil seine                             1942, bekräftigte beispielsweise ein füh-
           Bebauung zwar geplant war, dann aber    ➔  Alfred-Drexel-Straße:    render Vertreter des Alpenvereins, Karl
           erst nach Kriegsende ab 1953 begonnen   „Reichsbahnrat, geboren 2.12.1900 in   Springenschmid (1897–1981): „Bergsteiger
           wurde. Die Straßennamen selbst lassen auf   Türkheim in Baden, Teilnehmer an der   und Soldat gehören zusammen. Beides
           den ersten Blick nicht ihren Hintergrund   deutschen Himalaja-Expedition 1934,   sind Gestalten, die aus dem gleichen kämp-
           erahnen, aber diese Benennungen ent-  gestorben am Nanga Parbat 8.6.1934.“   ferischen Wesen unseres Volkes kommen.
           sprangen dem herrschenden Zeitgeist, und                            Kampf ist ihr Element. Sie suchen bewusst
           der bedeutete Krieg. Wie so oft, waren   ➔  Merklplatz:             die Gefahr. In jener steten Nachbarschaft
           auch hier die Namen lebendiger Ausdruck   „Wilhelm Merkl, technischer Reichs-  des Todes nur offenbaren sich ihnen die
           ihrer Entstehungszeit. Nach dem Krieg   bahninspekteur, geboren 6.10.1900 in   tiefsten Werte des Lebens.“ Pervers und
           1945 überbaute die Landeshauptstadt   Kaltennordheim, Teilnehmer an der   verrückt.
             München das Gelände mit den heutigen   deutschen Himalaja-Expedition 1934,
           Wohnblöcken, deren Adressen dieselben   gestorben in Lager VI des Nanga Parbat
           blieben.                            13./14.7.1934.“ [nicht bebaut, daher   Reaktionen 1934
                                               später aufgelassen]
                                                                               Die „Münchner Neueste Nachrichten“
           Bergsteiger als Namengeber        ➔  Ulrich-Wieland-Straße:         schrieben bereits am 19. Oktober 1934:
                                               „Diplom-Ingenieur, geboren 5.6.1902    „Aus der Fülle der Neubenennungen sei
           Die „Münchner Neuesten Nachrichten“   in Ulm, Teilnehmer an der deutschen   noch besonders hervorgehoben, dass das
           brachten am 23. August 1934 einen Bericht   Himalaja-Expedition 1934, gestorben   tragische Schicksal, das bekannte deutsche
           über eine kurz zuvor gescheiterte Himalaja-   am Nanga Parbat 9.7.1934.“ [nicht   Alpinisten bei dem Versuch der Bezwingung
           Expedition, dessen Wortwahl typisch für     bebaut, daher später aufgelassen]  des Nanga Parbat im Himalaja traf, dem




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