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Taxikurier Februar und März 2026Seite 28
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STADTKUNDE MÜNCHEN
TOBEN, SPRINGEN, WÜTEN
Fasching 1799 in München – Von Benedikt Weyerer
Der Karneval, auch als Fasching oder Fastnacht bekannt, gilt allgemein als fünfte Jahreszeit. Nachdem diese Jahreszeit in
Mün chen inzwischen in den Hintergrund getreten ist, wir aber nicht auf fünf Jahreszeiten verzichten wollen, gibt es hier als
fünfte Saison die Starkbierzeit, die sich an den Fasching anschließt, und seit 1810 sogar eine sechste, das Oktoberfest.
Das Bedürfnis nach einer Fasching Orden verteilt werden, die Narren Selber noch jung –
verkehrter Welt uniformierte Kostüme tragen, Frauen im aber nie jung gewesen
Gleich- und sogar Stechschritt marschieren
Als Karneval, Fastnacht oder Fasching oder in den Straßen Paraden abgehalten Der offensichtlich alleinerziehende Vater
bezeichnet man die Bräuche, mit denen werden. Dies hat aber einen durchaus erns- klagte: „Ich bin der Vater einer einzigen
die Zeit vor der vierzigtägigen Fasten- ten Hintergrund, denn dadurch machte Tochter, der ich den vernünftigen Genuss
zeit gefeiert wird, die mit dem Ascher- man sich über das ungeliebte Militär aus der Welt nie entzog; ich bin selbst noch
mittwoch – heuer am 18. Februar – be- der Zeit um 1800 lustig und die damaligen nicht alt und liebe muntere Gesellschaft
ginnt und zu Ostern am 5. April endet. Herrscher ließen dies zu, weil ihre Unter- und frohe Menschen. Meine Auguste ist
Den Ernst der langen, kargen Fastenzeit tanen damit Dampf ablassen konnten, ohne jetzt mehr als sonst mit ihren Putzsachen
vor Augen, besteht in vielen Kulturen wirklich gefährlich zu werden, allein schon beschäftigt, streichelt mir öfter die Backen
das Bedürfnis, es noch einmal richtig infolge des Übermaßes an Alkohol, der und fängt wieder zu erzählen an, wie gut
krachen zu lassen und die gewohnte dabei immer im Spiel ist. Auf die beiden sie sich dort und da auf dem Ball und auf
Ordnung wenigstens kurzfristig auf den größten Karnevalsveranstaltungen der Welt der Redoute unterhält.“ Für seine Auguste
Kopf zu stellen, was aber nicht mit ei- sei noch hingewiesen, nämlich auf den in muss er ein Albtraum gewesen sein, heute
ner ernsthaften politischen Revolution Rio de Janeiro in Brasilien und den zweit- würde man ihn als „Helikopter-Vater“ be-
verwechselt werden darf. größten in Barranquilla in Kolumbien. zeichnen, einen überfürsorgliche Vater, die
ständig in der Nähe seines Kindes bleibt,
Bereits vor 5.000 Jahren wurde im heuti- um die Heranwachsende zu überwachen
gen Irak gefeiert, was man mit dem heuti- Leserbrief eines besorgten Vaters und vor Gefahren zu schützen. Dieses Ver-
gen Fasching vergleichen könnte. Eine In- halten wird auch als übermäßige Ein-
schrift aus der damaligen Zeit berichtet, In seiner Ausgabe vom 1. Februar 1800 mischung und Kontrolle wahrgenommen
dass ein siebentägiges Fest gefeiert wurde: druckte das „Bairische Wochenblatt“ aus und kann die Entwicklung von Kindern
„Kein Getreide wird an diesen Tagen ge- München den Leserbrief eines besorgten negativ beeinflussen, indem es ihre Selbst-
mahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichge- Vaters ab, der sich über die damals aktuel- ständigkeit und Entscheidungsfähigkeit
stellt und der Sklave an seines Herrn Seite. len, moralisch verwerflichen Tänze der Ju- einschränkt. Die Eltern handeln meist aus
Der Mächtige und der Niedere sind gleich- gend empörte, besonders auch, weil seine Sorge und Liebe, wobei sie sich stark von
geachtet.“ Also genau andersherum als eigene Tochter diesen Lustbarkeiten und ihrer eigenen Angst leiten lassen. Und
üblich, aber zeitlich streng eingeschränkt. Maskenbällen – damals als „Redoute“ be- früher war das auch nicht anders.
Viel später im deutschen Rheinland bei- zeichnet – zum Opfer zu fallen drohte. Vor
spielsweise dürfen die Frauen den Männern gar nicht langer Zeit war dieser Vater selbst
deren Krawatten abschneiden. Weil das noch genauso jung gewesen wie seine nun- Der Vater als Alptraum
Tragen von Krawatten inzwischen nicht mehrige Tochter und hatte sich vermutlich
mehr allgemein üblich ist, binden sich ebenso verhalten wie die nächste Generati- Der Vater begleitete seine Tochter doch
viele Männer extra zu dieser Gelegenheit on und schon fing er an, sich über die Ju- tatsächlich höchstpersönlich auf Bälle und
eine solche um. Frauen dürfen sogar für gend zu beschweren. Vor mehr als 200 Jah- musste dem „Bairischen Wochenblatt“ und
einen Tag die Macht in den Rathäusern ren also klagte der ehemalige Jugendliche dessen Leserschaft folgendes berichten:
übernehmen, was heutzutage allerdings der Zeitschrift sein Leid, damit auch deren „Ich war in dem Karneval der verflossenen
auch nicht mehr allzu revolutionär sein Leserschaft ihn bedauern und sich viel- Jahres mit meiner Tochter öfter auf Tanz-
dürfte. Zum Standard gehören auch das leicht sogar selbst in seiner Misere wieder- sälen. Aber ich bin mit bekümmertem
Vortäuschen einer fremden und das Verber- erkennen konnten. schwerem Herzen und mit einer wahrhaft
gen der tatsächlichen Identität durch Ver- verbitterten Laune oftmals davon gegan-
kleidungen und Maskierungen, was im Rest gen. Jetzt kommt’s, was ich Ihnen zu sa-
des Jahres strafrechtlich verboten ist. Auf gen habe: Ich war im verflossenen Jahr auf
Außenstehende eigenartig wirkt darüber der Redoute. Ich erwartete vieles Gute und
hinaus das massenhafte Phänomen, dass zu Angenehme, ich hoffte, unter den vielen
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