Page 14 - Taxikurier Februar 2022
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                                                                                                                       atelier-tacke.de




            ➔ JUSTIZ­NEUBAU


           Das Strafjustizzentrum ist Bayerns grösste Baustelle



           Bayerns größte staatliche Baustelle wächst gen Himmel. Der Rohbau des neuen Strafjustizzentrums (SJZ) an der Dachauer
             Straße nimmt mit einem Volumen von 440.000 Kubikmetern sichtbar Form an. Ab dem Jahr 2024 sollen hier in sieben Behörden
           an die 1.300 Beschäftigte tätig sein. Auf der ehemaligen Circuswiese am Leonrodplatz entstehen 54 neue Gerichtssäle.


           Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte –   1908) ein wahrer Bierpalast im Stil der
           so auch die des Münchner Strafjustizzent-  deutschen Renaissance. Dieser Arzber-  Von der Nymphenburger Straße zum Leonrodplatz.
                                                                                Das derzeitige Strafjustizgebäude in der Nymphenburger Straße.
           rums an der Nymphenburger Straße 16.   ger-Keller war eine Sensation für München,
           Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor rund   da hier erstmals in München ein Gaststät-
           12.000 Jahren grub sich die Isar ein brei-  tenbetrieb mit elektrischem Licht ausge-
           tes Flussbett, dessen westliches Ufer im   stattet wurde. Nicht lang nach der Eröff-
           heutigen Münchner Stadtgebiet immer   nung kam es an zwei aufeinanderfolgenden
           noch gut zu erkennen ist. Beispielsweise   Sonntagen, dem 16. und 23. April 1893, zu
           gehört der weltweit bekannte und berüch-  folgenden Vorkommnissen der besonderen
           tigte Kotz- und Pieselhügel an der There-  Art, wie die „Münchner Neuesten Nachrich-
           sienwiese dazu, von dem man nur hoffen   ten“ berichteten: Rund 500 Sozialdemokra-
           kann, dass er heuer endlich wieder während  ten versammelten sich im Arzberger-Keller
           der Wies´n durchfeuchtet werden möge.    zu einem „Konsumentenboykott“, aber
           Ein Stück weiter nördlich hat sich das ehe-  „nicht in der Absicht, dort einzukehren und
           malige Flussbett im leichten Anstieg der   als Gäste zu verweilen, sondern in der Ab-
           Landsberger Straße, der Arnulfstraße, der   sicht, in den Räumlichkeiten möglichst lan-
           Marsstraße, der Karlstraße sowie der   ge zu bleiben, möglichst wenig zu konsu-
           Nymphenburger Straße erhalten. Diesen   mieren, Wasser statt Bier, oder Bier aus
           Anstieg nutzten Brauereien zum Bau ihrer   benachbarten Wirtschaften zu trinken, die
           Keller, um vor der Erfindung der Kühlma-  für andere Gäste bestimmten Plätze einzu-
           schine durch Carl von Linde (1842–1934,   nehmen und durch ihr geschlossenes Auf-
           Doktor-Carl-von-Linde-Straße von 1982) im   treten Gäste zu vertreiben.“ Der Grund für
           Jahr 1877 ihr Bier frisch zu halten. Eine   dieses Vorgehen war die Weigerung der
           dieser Brauereien war die Löwenbrauerei an   meisten Münchner Wirte, der SPD Säle und
           der Nymphenburger Straße 4, deren Gebäu-  Nebenzimmer für ihre Versammlungen zu
           de östlich der Sandstraße seit 2012 durch   vermieten. Man konnte damals natürlich
           Büros und Wohnungen ersetzt wurden.  nicht ahnen, dass am Ort dieses juristisch
                                             kontroversen Geschehens einst das Straf-
                                             justizzentrum stehen würde. Wie auch im-
           Arzberger­Keller                  mer: Am 17. Dezember 1944 fiel die Groß-
                                             gaststätte dem Bombenkrieg zum Opfer
           Westlich der Sandstraße, mit der Adresse   und blieb bis 1970 als Ruinenfeld stehen.   Nymphenburger Straße 16 wurde 1968 ein
           Nymphenburger Straße 10, entstand aus   Der Freistaat Bayern erwarb das Gelände,   Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Die
           den oben genannten Gründen im Jahr 1820   um sein neues Strafjustizzentrum darauf zu   Planung und Bauausführung übernahmen
           ebenfalls ein Keller mit Ausschank drinn-  errichten. Die bisherige Hausnummer 10   die Preisträger Peter Kaup, Helmut Scholz
           nen und draußen, benannt nach der alten   wurde eingezogen und die neue Anschrift   und Christoph Wortmann in Zusammen arbeit
           Münchner Bierbrauerfamilie Arzberger. Die   lautet seitdem Nymphenburger Straße 16.  mit dem Landbauamt München zwischen
           Arzberger Straße von 1935 hat damit aber                            1970 und 1977. Den Haupttrakt bilden
           nichts zu tun, sondern heißt nach der                               zwei versetzte, parallel zur Nymphenburger
           Stadt in Oberfranken. Gabriel Sedlmayr   Das Gebäude                Straße angeordnete Baukörper mit vorgela-
           (1772–1839, die Sedlmayrstraße von 1902                             gertem Schwurgerichtssaal. Vertikal wurde
           erinnert an seinen Sohn) von der Spaten-  Das offiziöse Buch „München und seine   das Gebäude gegliedert in eine der Öffent-
           brauerei erwarb das Anwesen 1827 und   Bauten nach 1912“, herausgegeben 1984   lichkeit zugängliche dreigeschossige
           Jahrzehnte später, 1881 bis 1882, entstand   vom Bayerischen Architekten- und Inge-  Sockel zone mit Sitzungssälen und Bera-
           nach den Plänen des Architekten Gabriel   nieur-Verband, beschreibt das Gebäude wie   tungszimmern und dem auf Stahlbetonträ-
           von Seidl (1848–1913, Seidlstraße von   folgt: „Für das Zentraljustizgebäude an der   gern darüberliegenden sechsgeschossigen,




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