Page 16 - Taxikurier Juni 2020
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TITELTHEMA
                                                                                                                      Fotos: istockphoto
























            ➔ WIE VIEL SCHLAF BRAUCHT DER MENSCH?




           Die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen es: Schlafen ist mindestens so zeitaufwendig und wichtig wie der Hauptberuf.
           Jeder Deutsche verbringt durchschnittlich 8,22 Stunden täglich im Bett, nur noch 3,14 Stunden bei der Arbeit und 6 Minuten
           täglich mit dem Putzen seines Autos. Die Erkenntnisse des statistischen Bundesamtes decken sich ungefähr mit denen der
           Schlafforscher. Die übliche Schlafdauer eines Erwachsenen liegt zwischen 6 und 9,5 Stunden. Einige Schlafmediziner empfehlen,
           am Tag nicht mehr und nicht weniger als 7–8 Stunden zu schlafen. Ihrer Meinung nach fühlen wir uns mit diesem Schlafpensum
           am wohlsten, leben am gesündesten und ergo länger.


           Doch eine solche Normierung des individu-  so herausragende Bedeutung für unser Le-  Übermüdung und ihre katastrophalen
           ellen Schlafbedürfnisses ist schwierig,   ben hat, kann ein Mangel daran schwerwie-  Folgen – einige Beispiele
           denn auch im Schlaf bestätigen Ausnahmen  gende Folgen nach sich ziehen. Kurzfristig
           die Regel. Es gibt Kurz- und Langschläfer,   bewirkt er, dass wir tagsüber übermüdet   ➔   Der gefährliche Störfall im Atomreaktor
           gute und schlechte Schläfer, Morgen- und   und gereizt sind, dass wir uns schlechter   „Three Mile Island“ im März 1979 in
           Abendtypen. Albert Einstein schlief angeb-  konzentrieren und weniger schnell auf äu-  Harrisburg wurde – um vier Uhr mor-
           lich täglich 14 Stunden und revolutionierte   ßere Faktoren reagieren können als sonst.   gens – durch „menschliches Versagen“
           dennoch die moderne Welt mit seiner Rela-                             ausgelöst.
           tivitätstheorie. Napoleon wiederum soll   Übermüdung kann darüber hinaus einen
             täglich nicht mehr als vier Stunden im Bett   unbeabsichtigten sekunden- oder gar mi-  ➔   Der Unfall im Atomreaktor von
           verbracht haben, in der restlichen Zeit des   nutenlangen Tagesschlaf auslösen, sodass   Tschernobyl im April 1986 wurde durch
           Tages eroberte er lieber das damalige Europa.  die Unfallgefahr am Arbeitsplatz und im   völlig übermüdetes Kontrollpersonal
                                             Straßenverkehr deutlich steigt.     verursacht.
           Ob wir eher Lang- oder Kurzschläfer sind,
           ob wir morgens nur langsam in Gang kom-                             ➔   Der Absturz der Raumfähre „Challenger“
           men und dafür abends vor Tatendrang sprü-  Die gefährlichen Folgen der   beim Start von Cape Canaveral im
           hen oder umgekehrt ist unwichtig, solange     Übermüdung                Januar 1986 wurde durch eine Fehl-
           wir unseren Schlaf als erholsam empfinden.                            entscheidung mitverursacht, die die
           Eine manifeste Schlafstörung liegt erst   Übermüdung ist einer der Hauptursachen   Verantwortlichen nach weniger als
           dann vor, wenn wir mindestens einen Mo-  für Unfälle und Katastrophen, die durch   zwei Stunden Schlaf am frühen Morgen
           nat lang mindestens dreimal in der Woche   menschliches Versagen verursacht wurden.   getroffen haben.
           schlafabhängige Beschwerden haben, die   Schlafmangel gefährdet somit nicht nur
           unser Wohlbefinden und unsere Leistungs-  den Einzelnen, sondern unter Umständen   ➔   Entscheidend für die Havarie der Fähre
           fähigkeit deutlich beeinträchtigen.  große Teile der Bevölkerung – wenn es zu   „Herald of Free Enterprise“ in der Nord-
                                             solch dramatischen Unfällen wie im Atom-  see im März 1987 war, dass der für das
           Schlafmangel kann schwerwiegende Folgen   reaktor von Tschernobyl kommt. Dort soll   Schließen der Bugklappe verantwortli-
           nach sich ziehen. Dabei ist der geminderte   das Kontrollpersonal völlig übermüdet ge-  che Bootsmann eingeschlafen war.
           Erholungseffekt des Schlafs wohl genauso   wesen sein.
           bedeutsam wie die verkürzte eigentliche                             ➔   Das japanische Tankschiff „Matsukaze“
           Schlafdauer. Allgemeine Beeinträchtigun-                              lief im April 1988 morgens um 3.15 Uhr
           gen der geistigen und körperlichen Leis-                              in der Straße von Juan de Fuca im
           tungsfähigkeit, Unruhe, Reizbarkeit, Angst,                             Pazifik auf Grund. Aus dem amtlichen
           Niedergeschlagenheit und Erschöpfung sind                             Bericht der Küstenwache geht hervor,
           die häufigsten Auswirkungen einer gemin-                              dass die Wache auf der Brücke einge-
           derten Schlafqualität. Weil der Schlaf eine                           schlafen war.




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